Wenn man sich mit dem Projekt Stuttgart 21 beschäftigt, entdeckt man allenthalben ein Gutachterbüro das von Seiten der Gegner verwendet wird.
Auf der Homepage des Büros finden sich Studien und Gutachten. So wie ich das nachverfolgen kann, scheinen die beiden Beteiligten dort in erster Linie Gutachten zu erstellen. Was ich leider nicht entdecken konnte war, ob bisher tatsächlich einmal ein Entwurf dieses Büros in der Realität umgesetzt wurde und welche Kostenentwicklung sich dort ergeben hat. Die Internet Recherche fällt zur Zeit etwas schwer aus, da VR hauptsächlich als Nachweis für die etwaige Kostensteigerung bei Infrastrukturprojekten vorgezeigt wird. Auf der Seite werden entsprechende “andere” Ingenieurbüros von Seiten VR erwähnt, ebenso wie deren Varianten und der jeweilige Kosten und Nutzenvergleich:
Die Ingenieurbüros Lahmeyer München und Schüssler-Plan stellten am 16.11.2009 im Rahmen einer Präsentation durch den bayerischen Wirtschafts– und Verkehrsminister Zeil eine weitere technische Planung für den Ausbau des Eisenbahn-Südrings vor. Diese erreicht jedoch bei der erneut durchgeführten Standardisierten Bewertung den für die finanzielle Förderung durch Bund und Land notwendigen Nutzen-Kosten-Mindestwert von 1,0 nicht, sondern nur einen Wert von 0,8. Das heißt, daß die Kosten dieses Vorschlags den Nutzen übersteigen. Die Planung der VIEREGG-RÖSSLER GmbH, die sich insbesondere hinsichtlich Gleisführung im Detail und Bauablauf von der Planung der Büros Lahmeyer München und Schüssler-Plan unterscheidet, erreicht hingegen einen Nutzen-Kosten-Wert von 2,95 und schneidet somit sogar deutlich besser ab als der geplante 2. S-Bahn-Tunnel, der mit 1,15 bewertet wird. Da der von der VIEREGG-RÖSSLER GmbH geplante Südring-Ausbau für die S-Bahn denselben Nutzen bewirkt wie die Planung der beiden genannten Büros, ist der Unterschied des Nutzen-Kosten-Wertes im wesentlichen auf die unterschiedlichen Baukosten zurückzuführen, die bei dem Vorschlag von Lahmeyer München und Schüssler-Plan ungefähr um Faktor 3 höher sind. Dies ist auch auf den geplanten Bauablauf des Südring-Ausbaus zurückzuführen, der von den genannten beiden Büros laut eigenen Aussagen gar nicht optimiert wurde.
Wie gesagt, leider weiss ich nun nicht, welches Projekt auf Basis der beiden Herren jemals überprüfbar realisiert wurde. Vielleicht weiss das ja jemand von Euch?
Warum ich das wissen will?
Die verglichenen Ingenieurbüros haben an Realisierungen tatsächlich teilgenommen. Und es ist — so meine ich — sehr einfach Kostenentwicklungen voraus zu sagen, wenn man nicht an der Realisierung beteiligt ist.
Ich kann Baugrundrisiken (um z.B. mal den Tunnelbau zu nehmen) auf Basis von Informationen aus Erkundungen abschätzen und Kosten und Risiken auf dieser Basis minimieren. Im Zuge dieser “Idealplanung” erstelle ich meine Kostenschätzung. Die etwaigen Risiken stelle ich auch da und hoffe zum einen, dass sie nicht auftreten und falls doch, so verbleiben ggf. zuvor ausgearbeitete Einsparpotentiale die ich dann — je nach Auswirkung auf den eigentlichen Sinn des Projektes — anwenden kann.
Das Problem bei Infrastrukturprojekten ist, dass man gewissermassen “den Zug nicht mehr aufhalten kann”. Das kann man natürlich immer, kostet aber dennoch Geld (Jeder kennt ja mindestens eine “Soda-Brücke”);
Im Falle von Stuttgart 21, bei dem die Projektbeteiligten bereits seit den 90er Jahren kostenmässig involviert sind, ebenso wie die über die gesamte Strecke bereits durchgeführte Raumordnungsplanung mit tausenden Beteiligten und vielen Kommunen und Landkreisen, bei den durchgeführten Analysen und Vorarbeiten, den Schnittstellen zu den Anpassungen an den Anschlussstellen (Gleisvorfeld Stuttgart, Neu-Ulm und Ulmer Bahnhof), ergeben sich — soweit ich weiss (aber immerhin von einem Bahner und nicht von einem Internetspacken) Kosten von bisher ca. 1,2 Milliarden Euro.
Die Finanzierung läuft über das BSWAG, das Bundesschienenwegeausbaugesetz. Soweit ich (eher uninteressiert) von der Finanzierung informiert bin, stellt Stuttgart 900 Millionen Euro. Einen Teil das Land Baden-Württemberg und den Großteil, inkl. Überschreitungsgrenze der bisherigen Kostengrenze der Bund. Inwieweit nun die bisherigen Kosten etwa anteilig auf die Beteiligten, oder blockweise ausbezahlt werden, weiss ich (noch) nicht.
Im günstigsten Fall stellt Stuttgart nun seinen Anteil prozentual (vielleicht). Im schlechtesten Fall sind die 900 Millionen bereits abgerufen, bzw. im Falle einer Rücknahme des bestehenden Baurechts das ganze Geld der Stadt.
Der Irrsinn wäre in dem Fall, dass die Stuttgarter ihren Budgetanteil ausgeben und dann nichts dafür bekommen.
Nun, das glaub ich zwar nicht, aber es bleibt ein teuerer Spass. Wenn ich nun die Proteste gegen den Tiefbahnhof betrachte (immerhin wollen die meisten Demonstranten die ich sehe den Kopfbahnhof behalten, d.h. eine Anbindung an die Schnellfahrstrecke auch), dann kann — aus finanzieller Hinsicht — ein Stopp von S21 und ein Pro K21 nur bedeuten:
Stuttgart behält bis auf unabsehbare Zeit seine jetzigen Verhältnisse.
Wann jemals ein Anschluss an eine — vielleicht auch gestoppte — Schnellfahrstrecke kommen wird, kann ich nicht sagen. Im Zuge der notwendigen rechtlichen Verfahren aber sicherlich nochmals 10–20 Jahre.
Der Impuls dieser Blockade eines bestehenden Baurechts und der damit zusammenhängenden Planungssicherheit für Investoren in den Wirtschaftsstandort Stuttgart, bzw. Baden-Württemberg (wobei die Ulmer die Strecke wollen) wird vielleicht dafür sorgen, dass in den benannten 20 Jahren Stuttgart wieder das ist, was es rein topologisch bedeutet: ein suboptimal gelegenes Städtchen ohne Bedeutung; zu teuer um angebunden zu werden, zu pleite um Jobs anzuziehen.
Diese Überlegung sollten sich alle machen, die jetzt so empört über S21 sind.
Und diejenigen Trittbrettfahrer, die hier ihre eigenen Interessen im Nachgang zu vollendeten Tatsachen hervorheben wollen, sollen sich in Grund und Boden schämen.
Es muss eine Integration der Bevölkerung in die Planung dieser Projekte geben. Das steht ausser Frage! Das Problem ist für mich aber immer noch: jeder kann bauen und jeder ist Bundestrainer. Das wird nicht funktionieren!