Das muss man sich mal reinziehen. Hat die CDU tatsächlich völlig verblödete Wahlkampffilmchen (mittlerweile wieder offline
, nee, da isser ja wieder:
)
ins Netz gestellt. Zwar gibts schon den einen oder anderen Remix, aber hey CDU, so gehts nicht!
Was soll ich mir unter einem unrasierten Altvolkswagen fahrenden bei Shell Kraftstoff tankenden (und dann wohl ohne zu zahlen), wegfahrenden
Endzwanziger vorstellen? Einem der unmotiviert hohle Phrasen in seinen Zottelbart quasselt, von wegen “Gehaltserhöhung gut, zuwenig übrig schlecht” und “wenns mich erwischt gibts zum Glück ja Stütze”? Was soll ich mir bei dem anderen Spot denken, wo ein (schon wieder ?) blondiertes Maderl
spät morgens mit der U-Bahn anne Uni fährt und gesteht, dass sich die Schickse “Sorgen um die Zukunft macht”…“wegen der Krise”?
Ja, spinn ich eigentlich? Wer ist da Zielgruppe? Die Netzgemeinde? Haltet Ihr die immer noch für solche Vollspacken? Wollt Ihr mich — nachdem ich Euch sicher nicht mehr wählen werde, weil Ihr korrumpierte, machtgeile Verhinderer, Verzögerer und Vertuscher seid — auch noch beleidigen? Ist nicht Euer Tagwerk Beleidigung genug für einen wie mich? Einen aus der Netzgemeinde?
Hier mein alternativer Wahlspot:
Nachdem die Kamera über den Toyota Prius geschwenkt ist und sich der mit dunklen Augenringen behaftete, gute 40 Lenze zählende Ingenieur in die
morgendliche 5 Uhr 30 S-Bahn gesetzt hat und einen matten Gähner von sich gibt, sieht man selbigen müde und desillusioniert aus dem Fenster
in das herbstliche Dunkel schauen:
“Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf und schleppe meine müden Knochen mit dem Zug zwei Stunden in einen hundert Kilometer entfernten Ort, wo
meine neue Arbeitsstelle ist.
Dort beackere ich — mittlerweile auf Sacharbeiterebene, denn die Unbill des Schicksal wollte es nicht, dass ich meinen guten Job, den ich zuvor im Stuttgarter Raum jahrelang vollziehen konnte, auch heimatnah machen durfte — den lieben langen Tag Infrastrukturprojekte der eher minderwichtigen Art und schlage mich hauptsächlich mit den Gegebenheiten der bestehenden Netzwerke und Traditionen rum.
Leider ist es mir mit meinen 40 Jahren nicht gelungen als Jungspund entweder von Vattern oder über Vattern in irgendein Protege-Netzwerk gepusht geworden zu sein um unter diesen Bedingungen auf Leitungs– und Führungsebene, barrierefrei von Karrieretreppchen zu Karrieretreppchen zu hüpfen und dann mit 40 stabiler und unkaputtbarer Bestandteil des hegemonistischen Systems zu sein.
Wenn ich abends nach Hause komme, kümmere ich mich zeitnah zu allererst um meine Frau und meinen Sohn, dessen Elterngeld auch schon eine Weile
aufgebraucht ist. Das Elterngeld bekamen wir, nein und meine Frau blieb daheim, denn zu der Zeit war Elternzeit für Kerle außerhalb des regulären Urlaubs ein klares Kickoff-Argument bei unseren Geschäftsführern. Abgesehen davon hat es sowieso ein Diplom zum Ausfüllen gebraucht. Aber das hatte ich ja.
Wenn ich also um zehn Uhr abends irgendwie wieder aufgewacht bin, nachdem ich Sohnemann zu Bett gebracht habe und es mich gleich mit erledigt hat, erlebe ich tagtäglich, wie sich korrupte und verblödete Politiker von asozialen Bankern und Wirtschaftslobbiiesten auf meine Kosten einen netten Lenz machen.
Ich sehe, wie kriminelle Staatssekretäre und Minister pseudo-Ausschüsse verscheissern und die gekauften Medien mir irgendeinen Sulz als Erfolg unterschieben wollen. Ich sehe wie in Ländern mit meinem Geld Krieg auf Kosten der Armen geführt wird und höre hohle und verlogene Entschuldigungen, die mit der Realität nichts zu tun haben.
Ich sehe wieviel ich jeden Monat privat zurücklegen muss, damit ich vielleicht auch noch eine Rente habe und ich erlebe, wie besagte Politik es den Zockerbankern ermöglicht meine mühsam angeschaffte Kohle so zu verzocken, dass ich am Ende leer ausgehe.
Ich sehe, wie meinem Sohn Schulden in finanzieller Hinsicht, Schuld in humanistischer Hinsicht und Schuld in ökologischer Hinsicht aufgebrummt wird. Dinge für die er nichts kann, für ja ich nicht mal was kann.
Ich sehe wie die Gesundheit meines Kindes von den Politikern aufs Spiel gesetzt wird, wie Atommüll manipuliert gelagert wird, wie Gentechnik ins Essen gelangt, wie Umweltgifte und Schadstoffe verdeckt und versteckt werden, auf dass er die auch ja gefressen hat.
Und wenn er älter ist, darf er sicher für diese Politiker ein Bürgeropfer sein, in einem arabischen Land Krieg führen, früh an Krebs oder irgendwelchen Seuchen erkranken und früh sterben, damit er keine Rente bekommen muss.”
Man sieht den frustrierten Nicht-CDU-Netzbürger am Zielort aus dem Zug steigen. Am Arbeitsplatz angekommen schaltet er seinen Büro-PC an. Aus dem Schirm erscheint im Hintergrund das Logo der Piratenpartei.
Und ich wundere mich, dass ich nur ein Blog schreibe. (Update: die CDU hat den Spot mittlerweile ganz zurückgezogen)